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Spannende Ansätze und engagierte Diskussionen: Fachtagung „Diskriminierung und Gewalt stoppen“ am 13. November in der Villa Horion in Düsseldorf

Ein breites Fachpublikum aus Politik, Ministerien, Polizei, Beratungsstellen und Community-Verbänden nahm am 13. November in der Villa Horion in Düsseldorf an der Fachtagung „Diskriminierung und Gewalt stoppen! Neue Strategien gegen Homo- und Transphobie in NRW“ teil.  Knapp hundert Fachtagungsgäste und Referent_innen waren der Einladung des RUBICON e.V. (ehemals Sozialwerks für Lesben und Schwule e.V.) anlässlich 10 Jahre Landeskoordination der Anti-Gewalt-Arbeit für Lesben und Schwule in NRW gefolgt. 

Eröffnet wurde die Fachtagung von der damaligen Staatsekretärin Marlis Bredehorst, die in ihrem Grußwort die bisherige Arbeit der Landeskoordination würdigte und das Engagement des Ministeriums für Gesundheit Emanzipation, Pflege und Alter für dieses Thema betonte. Barbara Kanne von der Heinrich Böll Stiftung NRW, die die Fachtagung ebenfalls finanziell förderte,  hob das Ziel der Fachtagung, sich in gesellschaftliche Entwicklungen einzumischen, hervor.

Die Fachvorträge zu vorurteilsmotivierter Gewalt und aktuellen Studien zu Diskriminierungs- und Gewalterfahrungen von Lesben, Schwulen, Bisexuellen, Trans* und LSBT* mit Zuwanderungsgeschichte machten eindrucksvoll deutlich:  es gibt noch viel zu tun, um Homo- und Transphobie wirksam zu bekämpfen.

Um Strategien gegen Diskriminierung und Gewalt ging es in den Talkrunden am Nachmittag. Das Ergebnis: es bedarf überzeugter Top-Down-Strategien, um Maßnahmen in der Polizei, der Prävention, dem Bildungsbereich und  der Jugendhilfe umzusetzen. Erfreulich war es deshalb, dass das Landeskriminalamt NRW die Fachtagung nutzte, um bekanntzugeben, dass das Thema „Gewalt gegen Lesben, Schwule und Trans“ verstärkt in die Fortbildung von Polizeibeamt_innen eingebracht werden soll. Um gewaltbetroffene Lesben, Schwule, Bisexuelle und Trans* zu erreichen und zu ermutigen, selbst aktiv zu werden, braucht es vielfältige Konzepte, die an der Lebenswelt und  -realität der Communities ansetzen. Diesem Anspruch sollte auch eine Kampagne gegen Diskriminierung und Gewalt gerecht werden. Vorbild könnten hier die Präventionskampagnen zu HIV und AIDS sein.

Tagungsgäste und Veranstalter_innen waren sich zum Abschluss des Tages einig: die Fachtagung war ein guter erster Aufschlag, um Strategien für die nächsten 10 Jahre Anti-Gewalt-Arbeit für Lesben und Schwule  in NRW in den Blick zu nehmen.  Die vorgestellten Ansätze und Konzepte müssen nun aufgegriffen und weiter vertieft werden.

Bilder zur Fachtagung

Neu: Download der Fachtagungs-Dokumentation im PDF-Format (5 Mb)





Programm und Referent_innen der Fachtagung

9.30 Uhr Ankommen

10.00 Eröffnung  

Grußworte:

Eröffnungsvortrag
Gewaltsame Vorurteile: Was können Gesetze, Opferhilfe und Prävention leisten, um Lesben, Schwule und Trans* vor Hassverbrechen zu schützen?
Referent: Dr. Marc Coester

Marc Coester hat, nach längerem Aufenthalt in den USA, Erziehungswissenschaft an der Universität in Tübingen studiert und anschließend als Sozialarbeiter u.a. in der Jugendkulturarbeit auch mit rechtsorientierten Jugendlichen gearbeitet. Zurück in der Wissenschaft promovierte er anschließend an den Instituten für Kriminologie der Universitäten Tübingen und Marburg zum Konzept der Hate Crimes aus den USA und dessen Konsequenzen für die deutsche Situation. Heute leitet er den Bereich "Prävention von Rechtsextremismus" beim Landespräventionsrat Niedersachsen in Hannover. Hier werden ein Landes- und Bundesprogramm umgesetzt, welche u.a. Beratungen für Betroffene von rechtsextremen Erscheinungsformen und Konzepte der Hilfe für Opfer ermöglichen.

11.00 Aktuelle Situation

„Wir wollten das nicht so hinnehmen…“ 
Timur Babaygit, 25 J. (Geschäftsinhaber) und Ignacio Mendez, 35 J. (Geschäftsführer) betreiben in der Eifel einen Friseursalon, in dem sie 2012 einen homopgoben Anrriff erlebt haben. Sie berichten von ihren Erfahrungen nach dem Angriff, was sie unternommen haben und welche Reaktionen es in ihrem sozialen Umfeld (nicht) gab.

Forschung im Gespräch:
"Lebenssituationen und Diskriminierungserfahrungen schwuler und bisexueller Männer"
Studie des Instituts für Psychologie der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel
Referentin: Dr. Anne Bachmann

„…Nicht so greifbar und doch real“- Gewalt- und (Mehrfach-)Diskriminierungserfahrungen von lesbischen, bisexuellen Frauen und Trans*
Studie der Lesbenberatung/ LesMigraS Berlin
Referentin: Saideh Saadat-Lendle

  • Die Psychologin Saideh Saadat-Lendle ist die Leiterin von LesMigraS, des Antidiskriminierungs- und Antigewaltbereichs der Lesbenberatung Berlin. Als freischaffende Dozentin befasst sie sich mit den Themen Mehrfachdiskriminierungen, Rassismus, Sexuelle Lebensweisen, Interkulturelle Kompetenz.

Diskriminierungs- und Gewalterfahrungen von transsexuellen Menschen in NRW
Studie zur Lebenssituation von Transsexuellen in NRW/ LSVD NRW

Referentin: Deborah Reinert

  • Deborah Reinert ist Mitautorin der „Studie zur Lebenssituation von Transsexuellen in NRW“. Sie beschäftigt sie sich mit dem Transsexuellenrecht und den damit zusammenhängenden Rechtsgebieten. Sie vertritt Trans*Personen anwaltlich und ist als Sachverständige tätig. Aufgrund ihrer intensiven Arbeit auf diesem Gebiet konnte sie umfangreiche praktische Erfahrungen im Umgang mit den aktuellen Problemen der Betroffenen sammeln. Seit 2010 ist sie Vorstandsmitglied des LSVD OV Köln und betreut dort das Trans*Thema. 

12.30 Netzwerken beim Mittagsimbiss

13.30 Neue Strategien gegen Homo- und Transphobie in NRW

Talkrunde 1:
Policy making - strukturzentrierte Strategien in Polizei und Kriminalprävention, Schule und Jugendhilfe
Gäste:

  • Kriminaloberrat Wolfgang Hermanns, seit 36 Jahren in unterschiedlichen Funktionen in der Polizei, zuletzt u. a. als Leiter einer Polizeiinspektion in Aachen, Direktionsleiter Kriminalitätsbekämpfung in Heinsberg. Seit fünf Jahren beim LKA NRW und jetzt Leiter des Dezernats Kriminalprävention, Evaluation, Kriminalistisch-Kriminologische Forschungsstelle im Landeskriminalamt Nordrhein-Westfalen.

  • Frank G. Pohl, Fachberatungsstelle für Schule der Vielfalt – Schule ohne HomophobieFrank G. Pohl ist Oberstudienrat und seit August 2012 vom Schulministerium NRW mit der Landeskoordination des Kooperationsprojekts Schule der Vielfalt – Schule ohne Homophobie beauftragt. Das System Schule kennt er als Mitglied im Hauptpersonalrat beim Schulministerium NRW, war im Landesvorstand der Gewerkschaft GEW und ist Mitglied der Bundes-AG LSBTI in der GEW. Im Zusammenhang mit seiner Tätigkeit in der Fachberatungsstelle von Schule der Vielfalt – Schule ohne Homophobie hat er bei der Antidiskriminierungsstelle des Bundes in 2012 und 2013 als Experte zu Fragen der Einrichtung von Beschwerdestellen im Schulbereich fungiert.
  • Andreas Unterforsthuber, Koordinierungsstelle für gleichgeschlechtliche Lebensweisen, MünchenSeit 1991 arbeitet er in der ehrenamtlichen psychosozialen Beratung für schwule Männer in München, seit 1992 ist Andreas Unterforsthuber bei der LandeshauptstadMünchen beschäftigt. Dort leitet er seit 2002 die Koordinierungsstelle für gleichgeschlechtliche Lebensweisen, einer Abteilung im Direktorium der Landeshauptstadt München, die für die Gleichstellungs- und Antidiskriminierungsarbeit der Stadt für Lesben, Schwule und Transgender verantwortlich ist.Schwerpunkte dieser Arbeit sind die fachpolitische Arbeit für den Oberbürgermeister und den Stadtrat, die Unterstützung für die städtischen Referate, Unterstützung der LGBT-Community in München, Akzeptanzförderung in der Stadtgesellschaft und Beratung für städtische Beschäftigte.Im Jahr 2011 hat die Koordinierungsstelle eine bundesweit beachtete Studie zur Situation von LGBT-Jugendlichen durchgeführt und hierfür die Fachkräfte der Kinder- und Jugendhilfe befragt.
  • Tanja Schwarzer ist seit 2011 Geschäftsführerin des Kriminalpräventiven Rates der Landeshauptstadt Düsseldorf. Der KPR ist das zentrale Koordinations- und Beratungsgremium der Stadt Düsseldorf, das unter Beteiligung örtlicher Gremien und Einrichtungen zur systematischen Verhütung von Straftaten beitragen soll. Den Vorsitz führt der Ordnungsdezernent. Unter dem Dach des KPR sind derzeit 9 Fachgruppen aktiv, die sich mit speziellen Themenstellungen wie z.B. Gewaltprävention an Schulen, Häusliche Gewalt oder Opferschutz beschäftigen. Daneben werden diverse Projekte sowohl durch die Fachgruppen als auch durch die Geschäftsstelle durchgeführt. Die Fachgruppe Gewalt gegen Lesben & Schwule — Präventionsmaßnahmen — wurde 1996 vom KPR eingerichtet. Angestrebtes Ziel der Fachgruppe ist die Minderung und Bekämpfung der Gewalt gegen Lesben und Schwule sowie die Anerkennung ihrer Lebensweise. Die Fachgruppe initiiert und begleitet Projekte und wird durch das Gesundheitsamt der Landeshauptstadt Düsseldorf geleitet und moderiert.

Kaffeepause

Talkrunde 2:
Betroffene zu Akteur_innen machen:zielgruppenorientierte Strategien gegen Diskriminierung und Gewalt
Gäste:

  • Jay Keim  ist Mitarbeiterin bei LesMigraS, dem Antigewalt- und Antidiskriminierungsbereich der Lesbenberatung Berlin. Sie ist Genderwissenschaftlerin und systemische Beraterin. Ihre Arbeitsschwerpunkte liegen auf community-basierter Antigewalt- und Unterstützungsarbeit, Mehrfachdiskriminierung, Queerfeminismus und Selbstfürsorge.
  • Reinhard Klenke, Herzenslust/ AIDS-Hilfe NRW
    Schwulenbewegt seit 1978, engagiert in der Aidshilfe seit 1987,  bin ich als stellvertretender Landesgeschäftsführer fachlich zuständig für die Themenfelder Schwulenarbeit und HIV/STI-Prävention in der Aidshilfe NRW.  Die von mir mit initiierte Herzenslust-Kampagne steht für HIV/STI-Prävention von und mit schwulen Männern. Die Stärkung schwuler Lebenswelten ist Kernbereich von Herzenslust. Als partizipativ  ausgerichtetes Projekt verbindet Herzenslust die Kompetenz von Fachexperten mit dem Erfahrungsschatz von  Alltagsexperten aus der schwulen Szene und lässt sie einfließen in eine lebensweltorientierte Präventionsarbeit. Damit ist die Herzenslust seit fast zwanzig Jahren erfolgreich und Vorbild für andere zielgruppenorientierte, überregionale Kampagnen.  
     
  • Caroline Frank hat  zum 1. September die Leitung der NRW-Kampagne "anders und gleich - Nur Respekt Wirkt" übernommen. Sie ist Sportwissenschaftlerin, Germanistin und Journalistin aus Münster. Nach dem Studium hat sie zunächst an der Universität Münster (AB Sportpsychologie) gearbeitet, bevor sie das Referendariat an einem Gymnasium begann. Seit 2010 engagiert sie sich ehrenamtlich für den CSD Münster e.V. , bei dem sie u.a. für die Öffentlichkeitsarbeit verantwortlich ist.
  • Merit Kummer arbeitet im anway und RUBICON  in der Beratung für trans*Menschen. Sie ist aktiv in einer queer feministischen Szene u.a. in einem deutsch deutsch-französischen Zusammenhang. Schwerpunkte ihrer Arbeit sind Menschen soweit zu stärken, dass sie lernen mit nicht absichtlicher Gewalt und Diskriminierung so um zu gehen, dass sie kein dickes Fell dafür brauchen und gesellschaftliche Veränderungen, die Gewalt und Diskriminierung nicht unterdrücken, sondern auflösen.
  • Güner S. ist seit 2012 beim Projekt ,,Mashallah!” der AIDS-Hilfe Essen tätig. Sein Tätigkeitsschwerpunkt umfasst die Beratung von schwulen und bisexuellen Männern mit Migrationshintergrund bezüglich HIV, anderer sexuell übertragbarer Krankheiten und bei Problemlagen wie Outing, Diskriminierung und Einsamkeit. Als türkischstämmiger Deutscher – wie auch immer man es bezeichnen will -, der auch noch selber schwul ist, weiß er nicht nur aus seinem Tätigkeitsfeld, sondern auch aus eigener Erfahrung zu berichten, dass Homosexualität mit Migrationshintergrund noch längst keine Selbstverständlichkeit ist und es noch einiges zu tun gibt. Nichtsdestotrotz macht ihm die Arbeit beim ,,Mashallah!”-Projekt  unheimlich viel Spaß, zumal es ausschlaggebend für seinen eigenen Identifikationsprozess als schwuler Mann war und er anderen auf ihrem Weg helfen möchte.


Gesamtmoderation:

  • Alexander Popp (Jg 1962) leitet als Supervisor DGSv, Coach DGfC, Lehrsupervisor und Lehrcoach das Lübecker Institut für Supervision, Coaching und Konfliktberatung. Als ehemaliger Geschäftsführer des Schwulen Netzwerks NRW und dann des Bundesforum Männer, dem Interessenverband für Jungen, Männer und Väter in Deutschland, ist er seit langem auch mit einer aktiven Minderheitenpolitik für Lesben und Schwule befasst und insofern mit dem Tagungsthema vertraut. Regelmäßig moderiert er bundesweit Veranstaltungen, die der Weiterentwicklung von Programmen und Konzepten sowie der Leitbildentwicklung dienen.